CH-Kultur pur - das Neuste aus der Schweiz

ein Frühling in Tschernobly- Lepage Emmanuel

Unter der Haut der strahlenden Schönheit

 

Die aktuelle Situation in der Ukraine und die russische Vergangenheit zeigen, dass hier ein Menschenleben nicht viel gilt, solange Herrscher ihr Machtstreben gewaltsam durchsetzen. Als am 26. April 1986  Herr und Frau Schweizer die Morgennachrichten hörten, blieb ihnen die Gipfel im Mund stecken, die Finger verkrampften sich, der Körper begann zu frösteln vor Angst, den im Kernkraftwerk Tschernobyl war Block 4 explodiert. Die Mängel des AKWs waren den Herrschern von damals bekannt, doch Russland wollte den Atomstrom für die Waffenproduktion um jeden Preis.

Emmanuel Lepage lebte zum Zeitpunkt des Unglücks in der Bretagne und auch 22 Jahre später gehen ihm die Bilder vom Super-Gau nicht aus dem Kopf, als er sich mit einer Gruppe Künstler und seinem Zeichenblock der Pripjat in der Ukraine nähert. Der Geigerzähler macht “Tick, Tick..... Tick, Tick” die Strahlung noch da in der Geisterstadt, die mal  ein Vorzeigebild von Wohlstand war.

Der französische Comiczeichner Lepage ist bekannt als Weltenerfinder. Dieses Mal gleicht die neunte Kunst- Comic eher einer Weltentdeckung der besonderen Art. In den Sprechblasen werden dem Leser zu Beginn des Comics die Fakten der Katastrophe zu den dunkeln Aquarellzeichnungen geliefert, bevor dann die Entdeckung durch die irreale Wirklichkeit zwischen Leben und Tod in der verbotenen Zone beginnt. 20 Kilometer vom Reaktor entfernt, indem immer noch Menschen im intakten Teil arbeiten, wohnt die Künstlergruppe bei einer Familie und erfährt viel über die vergangen 28 Jahre nach dem Unglück und dem körperlichen und seelischen Wunden. Aber der Russe ist hart im Nehmen und so schimmert auch hier wieder Hoffnung und Fröhlichkeit durch. Auch die Natur erobert sich trotz verseuchtem Boden wieder ihr Platz zurück wie der Mensch, auch wenn er sich der Konsequenzen bewusst ist. So vermischt sich in Lepages Comic Schrecken und Zeugnisse der Vergangenheit mit Neuanfang zu einem gezeichneten Porträt einer Todeszone, die wie Phönix aus der Asche, wieder aufersteht. “Ein Frühling in Tschernobyl” ist mehr ein Roman als ein Comic. Grandios gezeichnet mit treffenden Blickwinkeln und viel Gespür für die Menschen, die Lepage dort trifft, denen die Strahlen von Tschernobyl noch unter der Haut sind.  Emmanuel Lepage: Ein Frühling in Tschernobyl- Splitter, Bielefeld 2013, 170 Seiten, 41 Franken

 

 


juergkilchherr am 4.3.14 10:00

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