CH-Kultur pur - das Neuste aus der Schweiz

Terrorismus/Eros auf dem Friedhof -Textausschnitte

(Ausschnitt aus dem Buch M?nage ? trois von Juerg Kilchherr)




Nach Mitternacht erwachte Antonia. Im Arbeitszimmer klickte sie sich in den Chat ein, richtete die Webcam auf ihr Gesicht, begr?sste ihre Freundin Raquel aus Mexiko mit den Worten: Heute wollte ich mit meiner Offenheit Juan und Gustav zeigen, wie weit eine Frau freiwillig geht, wenn sie glaubt, nicht gut genug zu sein.
Sekundenschnell kam die Antwort: Antonia, wie viele Frauen denkst auch du, dass du perfekt sein m?sstest, damit man dich gerne hat. Du leidest unter Gefallsucht. Lerne immer wieder von neuen, dass man die Beziehung mit sich nicht f?r eine Beziehung mit einem Mann aufgeben darf. Das endet nur in Einsamkeit.
Sie schrieb zur?ck: Du hast Recht, Raquel. Ich muss mir dies immer wieder sagen. Wir Frauen haben immer das Gef?hl f?r gefallene Engel verantwortlich zu sein.

Sie schaute zum Fenster raus. Im Bahnhof Atocha fuhr der letzte Zug ein. Nachtgestalten strichen um die H?user. Die Menschen hatten ihre Stimmen verloren. Es umgab sie eine endlose Einsamkeit, genauso stumm und verbannt wie die Landschaft, in der sie lebten. In den Blocks warfen die Lampen in den Zimmern Schatten an die Wand und Antonia fragte sich, wer von ihren Nachbarn Liebe machte in der Art wie sie.



Der letzte Morgen auf Erden


?Es ist 7.00 Uhr, Donnerstag 11.M?rz 2004, am Mikrofon Leo Manon vom EFE-Radio eurem Feelgood-Sender. Die Sonne scheint ?ber Madrid, es ist 20 Grad. Wer k?nnte da die Fr?hlingsgef?hle besser ausdr?cken, als Robbie Williams ?Feel?. Das ist ein H?rerwunsch von Juan an Antonia und Gustav.?

?Gracias?. Antonia k?sste beide M?nner am Fr?hst?ckstisch auf die Wange, Juan l?chelte, Gustav sagte: ?Wir sehen uns nachmittags im Padro-Museum zur Goyaausstellung.?
Sie nickte, schaute nochmals in den Spiegel, sah wie die beiden M?nner einander frische Erdbeeren in den Mund steckten, dachte. ?Und ich glaubte, mein Sex sei ein Weg, Juan, die M?nner im Allgemeinen, verstehen zu lernen. Was f?r eine Illusion!?
Es klingelte. Fatima stand vor der T?r, wie jeden Tag. Antonia begleitete die vierj?hrige Tunesierin auf dem Weg zum Kindergarten, eine Zugsstation nur. Das hatte sie so mit der Nachbarin, die nie aus dem Haus darf, abgemacht.
?Adios?.
Auch Fatima k?sst jeden der M?nner auf die Wange, Gustav sogar dreimal.
Das Radiolied verstummte in Antonias Ohren, als sie das Haus verliess. Es war 7.30 Uhr. Im Arbeiter- und Kleinh?ndlerquartier Lavapi?s machten sich neben den beiden Afrikaner, Pakistaner, Araber, Lateinamerikaner, Chinesen, Madrilenen zum Bahnhof Atocha auf, um den Zug zur Arbeit zu nehmen.
Da beobachtete ein Hausmeister in Alcal? de Henares wie Marrokaner einen weissen Lieferwagen vor dem Bahnhof parkten und Sporttaschen schleppend auf die Bahnsteige st?rmten. Die Ampel am Ende des Stegs schaltete auf Gr?n. Antonia nahm Fatima bei der Hand. Die S-Bahn war eingefahren
Die Marrokaner hatten eine Minute Zeit dreizehn Taschen in vier Vorortsz?ge zu verteilen und wieder auszusteigen. Die Leute dr?ngten sich in die Abteile. Fatima reisst sich los. Besetzte zwei Fensterpl?tze. Beide lachten triumphierend. Das Wagenschliesszeichen ert?nte. Der Zeiger f?llte die Minute. Der Zug setzte sich in Bewegung.

7.39 Uhr

Die Z?ge sind explodiert. 191 Menschen sind sofort tot, 1500 verletzt
Handys mit Z?ndern in den Sporttaschen haben 180 Kilo Dynamit explodieren lassen.

Madrid steht unter Schock, der Terrorismus hat Europa erreicht.


8.30 Uhr
Der Pr?sident weiss: ?Es war die ETA.

23.00 Uhr
Der Pr?sident weiss........



Es war der 13. M?rz. 01.00 Uhr.

Wer wie Juan und Gustav am Samstagmorgen den Bahnhof Atocha ansteuerte, weil er vor Schmerz zwei Tage nicht geschlafen hatte, war nicht alleine. Menschen, Paare, Gruppen kamen vorbei, legten Botschaften, Fotos, Kr?nze nieder. Einige dr?ckten beider M?nner die Hand, kondolierten, kramten nach Feuerzeugen, um Grablichter anzuz?nden, die der kalte Nachtwind ausgeblasen hatte. Dazwischen harte Worte ?Pr?sident, es war dein Krieg, aber es sind unsere Toten.?
Zu diesem Zeitpunkt hatten viele Spanier l?ngst das Vertrauen in ihre Regierung verloren, die immer noch der ETA die Schuld f?r die Anschl?ge in die Schuhe schob, obwohl bereits am Samstagnachmittag die Ermittler der Guarda Civil zusammen mit Sprengstoffspezialisten Al Kaida auf die Spur gekommen waren wegen einer Telefonkarte im Handy einer nicht explodierten Sporttasche
Der Ministerpr?sident rief aber abends pers?nlich den Chefredakteuren der wichtigsten Zeitungen des Landes an, behauptet: ?Es war die ETA.?
Er brauchte den Trumpf, wollte er die Wahlen gewinnen. Aber die Jungendlichen Spaniens hatten genug vom Versuch die Demokratie mit undemokratischen Mitteln retten zu wollen. Sie reagierten schnell. Sie er?ffneten Weblogs, verschickten SMS, druckten Flyer mit der Wahrheit. Juan und Gustav zogen wie Tausende Junge im ganzen Land vor die Lokale der Volkspartei forderten:?Schluss mit den L?gen, wir wollen die Wahrheit, bevor wir w?hlen.?

Am Sonntagabend hatten sie gewonnen, ein neuer Mann war Pr?sident.


Gustav fuhr Juan durch die Nacht nach Granada.

Juan schaute nach dem Mond, dessen Glanz nur geborgtes Licht war, damit die Sterne beleuchtet wurden. Mit dem Finger verband er die Leuchtpunkte der Sterne zu einem Engel.
Blutrote Spuren, scherbenhafte Schnitte. L?chelte oder schrie sie ihn an? Er st?rzte in Wellen, das Schwarz verzaubert in Rot. Wann, wenn nicht in diesem Augenblick schwamm sie ?ber ihn hinweg in den Tod.
Regen gl?ttete sein Haar, Tropfen erweichten sein Gesicht.
War der Liebessinn nicht mehr da? Doch! Er kehrte gradvoll in ihn zur?ck an der Seite von Gustav. Mit ihm hat er einen Ort gefunden, der unber?hrt blieb vom Leben und dem Tod.

Morgen werden sie alles in Spanien hinter sich abbrechen, in die Schweiz fliegen und im Elternhaus von Gustav einen Neuanfang wagen.




der Eros auf den Friedhof

Ausschnitt aus dem Buch M?nage ? trois von Juerg Kilchherr

Dann bog er in eine Seitenstrasse, hielt vor einem Friedhof. Ein Rabe kr?hte. "Hier liegen meine Grossmutter und Mutter begraben." sagte Juan.
Beim Gang durch den weitl?ufigen Park, mit seinen prachtvollen Kreuzen und Sarkophagen unter ausladenden B?umen, die langsam zwischen Rotdorn, Farnen und wilden Brombeeren zu verschwinden drohten, beeindruckten Gustav die erotischen Skulpturen. Ihre verf?hrerische, laszive Nacktheit schien nicht an den Ort des letzten Abschieds zu passen. In einer Gegend, deren religi?se Vorschriften streng war, fand sich in dieser Grablandschaft eine Vielzahl von aufreizend positionierten Skulpturen. Moose setzte sich in den Lettern der Steine fest, Flechten ?berzogen Namen und Daten, l?schten sie aus, schufen neue Ornamente. Winzige Bilder in Gr?n und Grau, hundertfach ver?stelte Linien mit geheimen Botschaften, die sich nicht mehr entschl?sseln liessen. Manche Skulpturen waren versteckt, als w?rden sie sich verbergen. Andere waren zugewachsen vom Moos oder Efeu verschmutzt, zerst?rt. Nur ein Grab fiel liebevoll gepflegt, von Schmutz und Algen befreit, auf, das mit den zwei Frauengesichtern. Vor ihm kreuzigte sich Juan, kniete nieder. Der Rabe flog ?ber sie, setzte sich in unmittelbarer N?he ab. Gustav zuckte zusammen, als er die Fotos mit dem Gesicht seines Freundes verglich. Sie hatten alle den gleichen Ausdruck, die gleichen schwarzen Augen.
" Ein Grab kann tr?sten" fl?sterte Juan, "schau dir mal diesen Stein an. Ist ein Azul Imperial, ein untypischer Marmor f?r diese Gegend, Grossvater hat ihn extra f?r seine verstorbene Frau bestellt. Sch?n diese Gl?tte, nicht?"
"F?r mich sieht er aus wie die Milchstrasse, das Weiss mischt die vielen Blaut?ne", sprach der Maler, liess Juan alleine, schritt weiter durch den Park der Nymphen, Engel, Sphinxen, Genien, Amazonen, J?nglinge. Der Rabe folgte ihm, h?pfte von Skulptur zu Skulptur dicht hinter Gustav, der ihn missachtete.
Ein Friedhof war eigentlich ein Ort der Meditation und Einkehr, wo sich Seufzer und Wehklagen Raum verschafften, doch die Nacktheit und Erotik war allgegenw?rtig. Die Gesichter voller Wehmut, Verz?ckung, Wollust, die Gew?nder ?ber den Schenkeln und Br?sten kunstvoll drapiert, um denen Konturen lustvoll zu entbl?ssen. Jede Falte ein Versprechen, jeder Blick Verlockung. Gustavs H?nde fuhren ?ber ihre K?rper, die Wunde, die ihnen ihre Lust geschlagen hatte und seine H?fte bewegte sich. Er schloss seine Augen. Im Beisein eines Richters vollzog der Pharis?er das Urteil f?r den Verr?ter des Glaubens, das die Geschworenen, Vertreter der Dorfgesellschaft ?ber den J?ngling, Gustavs Geliebten, beschlossen hatten. Der Pharis?er setzte die N?gel auf die Handballen, schlug zu. Der Wind verschlang das Blut, den Schrei. Lange nachdem die Peiniger gegangen waren, die Sonne unterging, der Wind still wurde, seine Tr?nen getrocknet waren, fand Gustav endlich wieder die Kraft aufzustehen. Er schritt auf den Gekreuzigten zu, Luzifer an seiner Seite. Ber?hrte vorsichtig die ge?ffnete Wunde der Peitschenhiebe am Bauch, liebkoste den Leib, der zusammenzuckte. Gustavs Puls ging hoch, als er seine Hand unter den Lendenschutz schob, den Stoff vom Leib riss, zum Himmel schrie: "Schau Gott, so sieht ein Leib aus, dem Menschlichkeit und Menschenrecht nie erfuhr! Wie kann so einer Menschen werden, dem andauernd das Kreuz gebrochen wird?" Gott blieb stumm. Gustav dr?ckte den Leib noch fester an sich.
Die Lust am Schmerz f?hrte mitten hinein in die Ekstase zum Tod, ein furchteinfl?ssendes Gerippe, das sich an der Sense festkrallte, ein Verf?hrer, der schrie "Nackt kamt ihr auf die Welt, nackt sollt ihr gehen. Nacktheit und Erotik sind euch nat?rlich gegeben, sie geh?rten zu eurer Partnerschaft. Ich, der Tod beende die Sch?nheit eures sinnlichen Leibes, der Eros ?berlistet die Endlichkeit des K?rpers."

Gustav wurde es schwindlig, er fiel auf den Kieselweg. Der Rabe flog heran, seine schwarzen Augen betrachteten den ohnm?chtig gewordenen Leib, er flog auf seinen Bauch, h?pfte einen Schritt weiter und der Schnabel pickte auf die Lippe, riss sie ein. Gustav erwachte, erschrak, verscheuchte den Vogel, bef?hlte die blutende Lippe. Faste sich, trocknete das Blut mit dem Taschentuch, schritt weiter im Labyrinth der Figuren.

Die Skulpturen waren nichts anders als Huldigungen an den Lebenspartner, meisterhaft gemeisselt von Bildhauern. Noch thronten sie auf Sockeln, die Namen und Daten der Toten trugen. Es tat weh, zu sehen wie ungesch?tzt und verlassen die Figuren da standen, dem Wind, Regen ausgesetzt. Einige von ihnen fehlten K?pfe, Arme, andere hatten die Konturen ihrer Gesichter verloren. Ihr Blick stierte ins Leere. Sandstein verwittert schnell. In ein paar Jahren wird es sie nicht mehr geben, nur die Erinnerung daran. Juan kniete immer noch vor seines Mutters Grab.

"Wie starb den deine Mutter?"
"Sie ging ins Meer, nachdem Antonias Onkel sie geschw?ngert hatte."
"Wie grauenvoll." Gustav war entsetzt, legte seine Arme auf Juans Schulter. Der begann zu weinen. Gustav wollte ihm sein Taschentuch reichen, zog die Geste zur?ck, fragte stattdessen:
"Wie alt warst du, als sie...?
"F?nf. Vater hat sp?ter wieder geheiratet."
"Der wilde Stier in ihm sehnt sich nach der Mutterliebe" dachte sich Gustav und seine Lippe schmerzte immer noch, "was f?r ein Geburtstagsgeschenk!". Es konnte nur besser werden.







juergkilchherr am 19.12.05 11:23

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