CH-Kultur pur - das Neuste aus der Schweiz

das Coming-out

(Ausschnitt aus dem Buch "M?nage ? trois von Juerg Kilchherr)

Nach dem Gest?ndnis des Vaters, die Sch?sse auf seinen Sohn, den J?ngling abgegeben zu haben, die f?r dessen Tod verantwortlich waren, verhaftete ihn die Polizei. Juan indes kam mit einer Busse f?r sein Fehlverhalten davon. Sofort reiste er nach seiner Entlassung an Gustavs Krankenbett. Der schaute zu ihm auf. Sein Blick wanderte von einem Auge zum anderen, jedes in ein anderes Gesicht mit Dreitagebart. Etwas hatte sich aber auch in Gustav ver?ndert. ?Deine Haut ist so durchsichtig? bemerkte Juan als er Gustav die Hand reichte, ?als ob ich durchsehen k?nnte. Wie geht es dir?? Sein K?rpergeruch hatte sich ver?ndert in der sterilen Atmosph?re des Krankenhauses, das roch Juan, als seine Hand ?ber die Haare fuhr, die alle Ger?che seiner Bettl?gerigkeit aufgenommen hatten. ?Besser, in zwei Tagen kann ich raus. Dann m?chte ich mich auf dem Hof deines Vaters bei den Pferden erholen.? ?Mallorca f?nde ich besser.?. Juan schmeckte die Mandelseife, die Gustavs K?rper von den Absonderungen auf die Medikamente gereinigt hatten. Er legte Granat?pfel auf den Nachtisch, streifte die Folie des Strausses ab, der Duft rosafarbener Rosenbl?ten nahm den Raum gefangen. ?Sie gleichen deiner Haut am meisten?, fixte Juan, als er die Rosen ins Wasser stellte. Er verstand es immer wieder mit seiner Leidenschaft f?r das Riechen, Menschen mit D?ften zu locken, die an Fruchtbarkeit, Energie und Lebenskraft erinnerten und erregten. Dann stellte er sich auf die neuen Bed?rfnisse der Umh?llten ein, verf?hrte, gestand Gustav seine Liebe. ?Wahrscheinlich bedeutet es dir nichts, dass ich deinetwegen mein ganzes Leben durcheinandergebracht habe ? nur weil ich dich so mag.? ?Das hast du nicht meinetwegen getan, Juan, ich war nur der Vorwand.? ?Ich h?tte es nie fertiggebracht, wenn ich dich nicht so..... Juans Knie zitterten, der Bauch w?hlte, das Herz klopfte wild, er dachte an all das, was Gustav in ihm geweckt hatte. ?Spare dir die Tr?nen, f?r das was nun kommt. Die Hiebe der Gesellschaft. Wenn du aussteigen willst, dann w?re jetzt der Zeitpunkt. Ein Bekenntnis ist immer irrevisibel.? ?Wovon zum Teufel redest du? Nur damit ich keine ?ngste mehr kenne, kehre ich nicht mehr ins alte Leben zur?ck. Jetzt wo sich der Schleier hebt, Licht in meine Schattenzonen fliesst, meine Lebensl?ge stirbt. In diesem Leben wird sowieso ausnahmslos jeder Mensch verletzt, das hat mir der J?ngling gezeigt.? Gustav dachte, nun ist er kein Gefangener der Tradition mehr. Er hat keine Angst mehr, zeitweise das Gesetz zu ?bertreten oder die Spielregeln zu ?ndern. Er schloss die Augen. Sah wie ihm auf einem Feld Weizen durch die Finger rann, wuchs, der Wind aufkam und er die Ahlen mit der Str?mung dirigierte. Seine Saat ging auf. Als er wieder aufwachte, lag Juans feuchter Speichel auf seinen Lippen. Homosexuelles Begehren war nun ein freies Gef?hl. Gustav fasste Juans zitternde H?nde, l?chelte ?Juan, nun unterscheidest du dich wie ich, von vielen Menschen, die nur einen lieben k?nnen. Du liebst mehr und st?rker, viel st?rker, manchmal so stark wie ein Kind, ohne Berechnung, ohne Bedingung. Du gibst Hundertprozent. Du kannst dich nicht wehren, du willst es auch nicht, so stark zu lieben, es ist wunderbar und mit nichts vergleichbar, es ist einfach voller, perfekter, es hat dich s?chtig gemacht, ohne es zu wissen.? Juan legte seinen Kopf auf Gustavs Brust, hoffte, er k?nne das Echo der sch?nen Worte noch h?ren zwischen den Herzschl?gen, die ans Skelett schlugen. Er griff in seine Hosentasche, grub das Kreuz des J?nglings hervor, legte es Gustav um den Hals. ?Ich habe mich im Gef?ngnis mit dem Toten vers?hnt, obwohl er mir meinen Ruf ruiniert hat. Das Kreuz hat er mir f?r dich gegeben. Ich konnte es dir nicht fr?her geben, weil ich dann einen Beweis f?r meine geheimen Sehns?chte geliefert h?tte. Ich hoffe, du verzeihst mir?? Hinter dem Vorhang schn?uzte sich Pedro Vegas, ein junger Politiker aus der Region, die Nase. Er hatte von seinem Bett alles mitangeh?rt, war ger?hrt. Es wurde sp?ter Nachmittag, als sich der christlichdemokratische Regierungsabgeordnete, der wegen eines Blindarms im Krankenhaus war, von Juan im Park verabschiedete, mit Gustav wieder ins gleiche Krankenzimmer zur?ckging. Das Thema des Gespr?chs fiel unweigerlich auf M?nnerliebe. Seine Haltung dazu war derart liberal, differenziert, aber auch kritisch f?r eine katholische Region, dass Gustav mit grosser Aufmerksamkeit seine Rhetorik anh?rte, deren Kern bald Praxis wurde. Nach Pedro Vegas Meinung, k?nne heute die Partnerschaft, auch die gleichgeschlechtliche, von einem g?ttlichen Gedanken ausgehen, die Einsamkeit zu verhindern. Er finde auch, dass es der Kirche nicht darum gehen sollte, Randfiguren mit Bibeltexten ohnm?chtig zu machen, sondern die Texte mit Phantasie befreiend auszulegen, damit sie die Menschen, die die n?tig h?tten, neu erm?chtigten. Die schlechteste L?sung sei, die Texte einfach zu ignorieren, denn sie geh?rten zu unserem Leben einfach dazu. Die richtige Sprache sei sowieso das einzige Mittel, das die Kirche vor der Bedeutungslosigkeit retten k?nne. Im modernen Europa m?ssten auch andere Religionen einsehen, dass sie nicht vor Gott sich f?r ihr Verhalten rechtfertigen m?ssen, sondern vor der Verfassung. ?Darum bin ich f?r den Ausbau der Minderheitenrechte.? Dann wurde er direkt. ?Wenn ich euch zwei so sehe, scheint mir die menschliche Wertigkeit und Moral an nichts verloren zu haben. H?re ich mich aber im Volk rum, ist alles nur noch auf finanziellen Fortschritt, Wohlstand, Reichtum ausgerichtet. Da reden Paare von Liebe und meinen doch nur Sex. Keiner reflektiert mehr sein Verhalten. Alle leben auf der ?berholspur.? ?Die Zivilisation verroht immer mehr, da gebe ich ihnen recht?, warf Gustav ein. ?Da sind wir zwei verliebte Jungen, die sich gegenseitig verstehen wollen, doch lieber?, schmunzelte der Politiker, ?Wir lieben auch Frauen?. ?Oh, dann geh?rst du Gustav und dein Freund aber einer Sorte an, zu der nur wenige Zug?nge haben?.

juergkilchherr am 19.12.05 11:26

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