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Gurtenfestival 2008 - das Jubiläum ohne Hit

Gurtenfestival - das Jubiläum ohne Hit
In Zeiten, wo keine Woche vergeht, ohne das sich aufgelöste Bands wieder vereinen und touren, damit sie ihre Villen zum Lebensabend sichern können, machte die Gurtenprogrammleitung nicht den Fehler, das leer laufende Hamsterrad der momentanen Popkultur mit Oldies zu füllen. Trotzdem war es wohl Gurtenfestivalchef Philippe Cornu am 17. Juli nicht angenehm, als feststand die 25. Ausgabe wird nicht ausverkauft sein. Was hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde, dass nämlich die Euro und die vielen Bundeshauskonzerte den Leuten das Geld aus dem Sack gezogen und den Organisatoren die grossen Namen wegschnappt hatten, so das nur die zweite Liega auf dem Berner Hausberg rockte, bewahrheitete sich. Wer sich dann vor Ort befand, merkte vom Geist des ehemaligen Hippiefest nichts. Keine Stände am Eingang zum Bändli, weil die Gemeinde Köniz nur noch grosse Firmen unterstützt, Marketingbuben, die den Weg auf dem Gelände versperrten, Kommerz, hohe Getränkepreise und eben Sternchen aber wenig Stars waren diesem Festival mit nationaler Ausstrahlung nicht würdig. Auch müssen sich die Organisatoren fragen, ob sie den Generationswechsel, der dieses Jahr stattfand, noch fühlen. Die Buden mit Elektrosound waren voll, es herrschte Stimmung, während draussen öde Finnen namens Disco Ensemble, Turbonero oder HIM nur Lärm neben einigen Hits von gestern produzierten und besser zu Hause geblieben wären. Die Verpackung sprich Lightshow war von Chemical Brothers war gigantisch, der Sound wie bei N.E.R.D, Kaiser Chiefs mies, also drei Bands auf dem Weg nach unten.
Die Berner Musikszene war nie so vielfältig wie jetzt und die Waldbühne, die Bretter unterhalb eines Abhangs, waren den auch der Lichtpunkt des Festivals und genossen grossen Zulauf. Der Rapper Greis erhielt den Förderpreis gegen Rassismus und jedliche Diskriminierung des Anne Frank Fonds. Diese Auszeichnung ist ein Verdienst seiner Ehrlichkeit und musikalischer politischer Kunst, doch warum setzte die Organisation einen so wertvollen Künstler freitags um zwei Uhr an?
Züri West werden auch im Alter zu Diven. Weil alle in der Band YB-Fans sind, musste das Konzert wegen eines Spiels kurzerhand auf Samstag verschoben werden und brachten dem Veranstalter zwar ein volles Gelände, doch ob alle Karten rechtens erworben wurden, ist fraglich, beobachtete doch Trendmagazin wie am Ausgang viele Bändli den Besitzer wechselten. Kuno hat sich dann auch noch am Fuss verletzt und trotzdem alle Register seiner Berner Schnurre gezogen und jeden verzückt.
Herbert Grönnemeier war der Musiker, der sich selber für einen Auftritt auf dem Gurten bewarb. Daraus kann man lernen, dass auch Superstars dauernd auf Arbeitssuche sind, weil die Plattenverkäufe sinken. Der Nichtsänger war aber dank kraftvoller Show sicher ein Highlight, kam aber nicht an Amy McDonald in der Zeltbühne herankam. Die Schottin ist der Star der Jahres und die Schweizer brachten ihr nicht nur eine Goldplatte ein sondern auch viel Applaus für eine Folkpopshow erster Güteklasse.
Rund 56 000 Leute besuchten das Festival, von denen aber die meisten wegen dem Flirten, Handycam spielen, Freunde treffen oder weniger schön, WC-Schlange stehen, Postautomat knacken, weil alles so teuer war, das Programm als Hintergrundmusik wahrnahmen.

Damit auch ein Musiker, das Festival mit eigenen Augen beobachtete, lud Trendmagazin den Songwriter Stephan Imobersteg ein und sein Respekt für die Schweizer Favez und Dada Ante Portas auf grossen Bühnen wurde nur von dem John Buttler Trio mit der bluesigen 12-seitigen, verzerrten Akkustischen-Gitarrre und am Sonntagmittag von der 300 kg schweren Legende „Solomon Burke“ umgestimmt. Der Prediger und Soulsänger Burke brachte die Leute mit Freude und Schmerz zum weinen. Er verteilte Rosen lud Besucher auf die Bühne ein und der Gospel Chor und die Big Band entführten die Leute für einen Moment weit weit weg. Er sei der wahre König des Festivals gewesen.


Anschliessend noch der Bericht von Stefan Imobersteg

Das Festival war wirklich ein musikalisches Jubiläums-Packet für jeden Geschmack und jede Generation. Die momentan in der Schweizer Hitparade platzierte „Amy Mac Donald“ oder auch „ich und ich“ sowie Legenden und Neuentdeckungen wie „Solomon Burke“ und das „John Buttler Trio“ begeisterten die Besucher auf dem Gurten mit Handwerk, Tiefgang und Trends. Begonnen hat alles vor 25 Jahre als alternatives Folk Festival. Heute ist das Gurten-Festival ein Mega-Event, eine logistische und organisatorische Höchstleistung in einer wunderschönen Natur-Arena auf dem Hausberg von Bern.


Am Donnerstag morgen 8.00 Uhr standen bereits an die 200 Festival-Besucher vor dem Eingang zur Sleeping-Zone um im Regen ihr Zelt aufzubauen. Die Festival-Tore wurden nachmittags mit einem kleinen Feuerwerk für die Wartenden geöffnet. Den musikalischen Anfang machte „Miss Platnum“ die in Berlin lebende Rumänin begrüsste die Besucher mit Charme und Akzent und eröffnete somit auch das Donnerstags-Programm mit musikalisch total unterschiedlichen Stilrichtungen wie z.B. den Mittelalterbarden „ Schandmaul“ mit Dudelsack und Geige, den MTV-Helden „Kaiser Chiefs“ den Pionieren des Big Beats „Chemical Brothers“ oder der Death Punk Kapelle „Turbonegro“ aus Norwegen mit der treu angereisten Turbojugend.


Der Freitag begann auf der Hauptbühne mit der Lausanner Band „Favez“, diese zeigten wie auch „Dada Ante Portas“ das Schweizer Bands auf grossen Bühnen erst richtig funktionieren können. Auf der Zeltbühne reimte „Greis“ intelligent, sympatisch und kritisch über Alltagsprobleme und die Zukunft. Der Schotte „Paolo Nuttini“ präsentierte sich ganz persönlich, eigen und intensiv. Er erinnerte mit seinem Sound an die analogen 70er Jahre. Das Highlight überhaupt war jedoch das "John Buttler Trio" aus Australien, welches bereits vor Jahren am Open Air St. Gallen eine Live CD aufgenommen hat. 3 Top Musiker füllten das Zelt mit Sound und Energie die man wirklich nur selten erlebt. John Buttler zeigte mit einer 12-seitigen, verzerrten Akkustischen-Gitarrre was man mit Instrumenten und der richtigen Zusammensetzung zaubern kann. Anschliessend spielten „H.I.M.“ im Vollmondschein auf der Hauptbühne. Der Sänger und Frauenschwarm „Ville Valo“ musste die Masse mit vollem Einsatz überzeugen. Getanzt wurde anschliessend wieder weiter zu „Dynamite Deluxe“ oder „ich und ich“.

Am Samstag platzte der Gurten aus allen Nähten. Der Star des Abends war die sehr sympatische junge Frau aus Schottland „Amy Mac Donald". Ein Newcomer den man auch auf der Hauptbühne spielen lassen könnte. „Züri West“ liessen auch die vielen nicht aus Bern stammenden Besucher mitsingen und „Ben Harper“ ein Musiker mit Herz und Verstand liess viele überhaupt auf den Gurten pilgern. Der Samstag war ausverkauft und somit leider auch überfüllt. Die Waldbühne, welche Schweizer Bands eine Chance bietet vor neuem Publikum zu spielen bot mit „Tight Finks“, „Kummerbuben“, „Nils Burri & Band“, „Philipp Fankhauser“, „Marvin“ und vielen anderen Bands immer wieder eine Möglichkeit sich von der Masse zu lösen und neues zu entdecken.


Am Sonntag war der Soul zu Besuch auf dem Gurten. Die Legende und 300 kg. schwere „Solomon Burke“ brachte die Leute mit Freude und Schmerz zum weinen. Er verteilte Rosen, lud Besucher auf die Bühne ein und ein Gospel Chor mit Big Band entführten die Leute für einen Moment weit weit weg. Ein wahrer König des Festivals. „William White & the Emergency“ liessen anschliessend trotz Regen einen warmer Karibikwind über den Gurten wehen. Das Festival bot am Schluss dann noch einmal ein Highlight mit „Herbert Grönemeier“. Er war ein weiterer Grund die Jubiläumsausgabe vom Gurten zu besuchen und bot seinen Fans, Tagesbesuchern und auch den 4-tages Freaks eine Show.

Der ganze Anlass war unglaublich gut organisiert, die vielen Helfer waren immer freundlich, zuverlässig und auch geduldig mit sämtlichen Gästen. Die Trash Heroes und das Depot auf jedem Becher, Teller oder Gabel waren vorbildlich. Für einige jüngeren Besucher waren die Acts vielleicht zu unbekannt und somit auch nicht hype genug aber für Interessierte gab es viele Neuentdeckungen, Legenden, Pioniere und gute Schweizer Bands.


juergkilchherr am 21.7.08 20:12

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