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Montreux Jazz Festival - Ricky Martin 6.7./ Paul Simon 14.7.

Wo Montreux Jazz Festival draufsteht, ist auch beim 45. Mal Claude Nobs gemeint. Wer seine Freundschaft geniesst, hat quasi einen Freibrief wie Hebie Hancock ( 27 Mal) oder B.B. King ( 20 Mal) und andere Stars in schöner Regelmässigkeit da aufzutreten, das machte aber das diesjährige Festival weniger vielfälltig. So erstaunt es nicht, dass dieses Jahr weniger Deutschschweizer an den Genfersee fuhren, ausser es tritt Ricky Martin auf. Kollabrierte seine Karriere nach seinem Coming-out als Homosexueller in seiner Heimat Puerto Rico, weil ihn die katholische Kirche als Teufel verschrie, war er bei uns schon vor seiner diesjährigen Veröffentlichung “ Muscia y Alma y Sexo” aus dem vorderen Hitparadenrängen verschwunden. Auf seiner aktuellen Welttournee geht es für den Latino somit um das Ueberleben als Künstler. In der nicht ausverkauften Stravinsky Hall setzte aber kurz vor zehn Uhr am 6. Juli das ohrenbetäubende Geschrei der weiblichen Fans ein wie damals als Ricky noch Mitglied der Boyband Menudo war und ihnen und vielen aus der Schwulenszene bot der kleine Mann dann neuzig Minuten viele Hits, viele nackte Haut und viel Schweiss. Schon im Vorfeld hatte der Cubaner Ruben Blades die Leute zum Salsa angeführt, doch Ricky Martin gab noch eines drauf und verwandelte die Halle in einem Tanzsaal bei dem die Hüfte geschwungen wurden, die Wände vor Schweiss triften und die ganze Zeit Karneval zelebriert wurde. Der Höhepunkt des Abends war das Programm: Viva la vida loca. Zwar unterbrachen die vielen Kostümwechsel das erstklassige Spiel der Band und waren Showeffekte mit dem Stuhl und lasziven Bewegungen altbacken bis Ricky Martin in der Mitte der Show nackt unter der Dusche erschien. Der Einspieler ab Video zeigte viel und führte die Zuschauer in eine weitere Exstase, wo alle Rickys Aufforderung folgten: Lasst uns tanzen bis wir sterben. Mit diesem grossen Auftritt in Montreux hat Ricky Martin bewiesen, dass er auch als 38jähriger Vater von Zwillingen noch unterhalten kann mit eigenem Material bevor er nächstes Jahr in “Evita” in New York auf der Bühne steht. Paul Simon Eine Woche später war genau das Gegenteil zu beobachten. Ein Publikum, das andächtigt einem kleinen Mann mit grauem Haar aus Amerika zu hörte, das selbst ein Husten störrte. Paul Simon ist bald siebzig und hatte immer noch eine glasklare Stimme, die voller Wärme und Feingefühl zur Gitarre solo oder von einer zehnköpfigen Band ohne Elektronik wenig Hits aus der Art and Garfunkel Zeit, dafür alles aus “Graceland” und dem neuen Album “So Beautiful or so what” sang. Der Wohlklang dieser Folksongs rührte das ältere Publikum in der ausverkauften Halle derart zu Gefühlsausbrüchen, das Taschentücher gezückt wurden und sich Männer verbrüderten. Der Zauber von Paul Simons Gitarre, sein mühelose, sanftes Spiel mit Worten und Klang war wie Weihnachten im Sommer.

juerg kilchherr am 7.7.11 18:23

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